St. Matthiasverehrung im Kreise Jülich

Von Heinrich Joppen, Aachen
Aus dem Heimatkalender des Kreises Jülich - 1954

 Am 24. Februar (in Schaltjahren am 25.) begeht die katholische Kirche das Fest des Heiligen Matthias, der durch die Vorsehung Gottes anstelle des Verräters Judas zum Apostelamt berufen wurde. Er gehörte zu den 72 Jüngern des Herrn. Der Überlieferung nach hat der hl. Matthias in Judäa, Galiläa, Kolchis. Äthiopien und Mesopotanien das Evangelium gepredigt, Zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Nero erlitt er den Märtyrertod. Er wurde enthauptet. Die hl. Helena (gest. 328), die Mutter des Kaisers Konstantin, brachte einen großen Teil der Gebeine in die Kirche des hl. Eucharius nach Trier, in die jetzige St.-Matthias-Abteikirche. Die Verehrung des hl. Matthias verbreitete sich von hier an der Mosel und am Rhein.

Als die während der Normannenstürme in einem Verbörgnis in Sicherheit gebrachten Gebeine des hl. Matthias 1058 in der alten Kirche bei Erneuerungsarbeiten aufgefunden und am 1.9.1127 zur Verehrung öffentlich ausgestellt wurden, strömten aus aller Welt fromme Christen herbei, um dem hl. Matthias ihre Verehrung zu bezeugen und ihren Glauben zu bekennen.

An vielen Orten, besonders am Niederrhein, entstanden Bruderschaften, die die besondere Verehrung des hl. Matthias sich zum Ziele setzten. So in Aachen, Bonn, Köln, Neuss usw.. Für den Kreis Jülich sind Bruderschaften nachgewiesen für Jülich, Lich-Steinstraß und Titz. Die Bruderschaften umfassten alle Gesellschaftskreise. Wann die einzelnen Bruderschaften entstanden sind, lässt sich in der Regel nicht mehr feststellen, da sie auf der Fahrt durch die Jahrhunderte ihren Geburtsschein verloren haben.

Nach einem im Jülicher Pfarrarchiv vorhanden gewesenen Memoirenbuch der Matthiasbruderschaft, mit der Überschrift:

„Nomina patrum et sororum fraternitatis S. Mathiae apostoli, quae incepit in solempni parochia Juliacensi anno domini millimo quadringentesimo primo"

ist der Bestand dieser Bruderschaft bereits 1401 bezeugt. Merkwürdig ist, dass sich die Schuhmacherbruderschaft unter den Schutz des hl. Apostels Matthias stellt und 1588 sich darauf beruft, dass sie die Gründerin der St. Matthiasbruderschaft sei, obwohl alle Stände und Gewerbe in besagter Bruderschaft vertreten waren (Adelige, Priester, Schuhmacher, Bäcker, Schmiede etc.). Die St. Matthiasbruderschaft in Lich feierte 1952 ihr 150jähriges Bestehen. Sie war bis 1802 der bereits 1442 nachweisbaren St. Matthiasbruderschaft in Berrendorf angeschlossen. Wann der Anschluss erfolgte, lässt sich nicht feststellen.

Inmitten eines uralten St. Matthias-Kultgebietes liegt die Ortschaft Titz. Das Alter der Verehrung ist nicht zu ermitteln, Die Behauptung, dass die Verehrung kurze Zeit nach der Wiederauffindung der Gebeine des hl. Matthias oder gleich nach der Errichtung eines ersten Gotteshauses in Titz (um 1150) oder nach Beginn der alljährlichen Ausstellung der Apostelreliquien 1383 entstanden sei, entbehrt jeder nachweisbaren Grundlage. Jedenfalls aber zeugt der 1706 von Pastor Johann Fenger zu Binsfeld für die Dürener Kevelaer-Prozession herausgegebene „ordentlicher geistlicher Wegweiser" für das hohe Alter und die Bedeutung des Titzer Matthias-Kultgebietes. Dieser Wegweiser enthält für die einzelnen Wegeabschnitte der Prozession durchschnittlich 10 Seiten Gebete zu den einzelnen Heiligen, während für den Wegeabschnitt Kalrath - Titz 37 Seiten Gebete zum hl. Matthias bestimmt sind. Es ist auch möglich, dass der hl. Matthias im Mittelalter der Hauptpatron der Titzer Kirche war. Erst 1765 werden die jetzigen Kirchenpatrone St. Cosmas und Damianus urkundlich genannt.

Auch besitzt die Kirche in Titz seit undenklicher Zeit Reliquien des hl. Matthias, die alljährlich den Gläubigen zur Verehrung beim Matthiasfest dargereicht werden.

Die Titzer Matthias-Bruderschaft umfasst ein großes Bruderschaftsgebiet. Zu diesem gehören zahlreiche Dörfer, die von Venrath, Wanlo bis nach Frauwüllesheim östlich von Düren gelegen sind (Matth.-Bote 1936, Nr. 5/6). Für dieses Gebiet gibt eine Titzer Aufstellung folgende Ortschaften an: Titz, Holzweiler, Kückhoven, Erkelenz, Venrath, Wanlo, Opherten, Kirchherten, Grottenherten, Morken, Mündt, Hasselsweiler, Gevelsdorf, Ralshoven, Spiel, Ameln, Güsten-Welldorf, Harff und Jackerath, Immerath, Hambach, Borschemich, Keyenberg, Kaulhausen, Kelz, Frauwüllesheim u. a.. An der Spitze der Bruderschaft steht der Brudermeister, der gewählt wird. Wo die Bruderschaften sich über einen größeren Bezirk erstrecken, werden in jedem Ort ein oder mehrere Brudermeister bestellt. So wurden im Bruderschaftsgebiet Titz 1819 für die Orte Kirchherten, Morken, Holzweiler, Welldorf und Erkelenz Brudermeister neu gewählt. Für den Hauptort des Bruderschaftgebietes wird ein Präfekt gewählt. Folgende Namen ließen sich feststellen: Heinemann Peter, Moll Johann Wilhelm, Schmitz Jakob, Flücken Christian, Bungs Jakob. Wackerzapp Johann Peter (Immerath), Schmitz Heinrich, Dohmen Johann, Brückmann Winand. Es sollen nur ehrbare Männer als Brudermeister gewählt. werden. Vornehmste Aufgabe der Bruderschaft ist es, alljährlich die Fußprozession zum Grabe des hl. Matthias nach Trier durchzuführen. Diese Prozessionen finden meistens in der Zeit von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten statt, vermutlich, weil die Kirche zu dieser Zeit das Fest der Wahl des hl. Matthias zum Apostel feiert oder aber, weil der Bauer um diese Zeit die Feldbestellung zu einem gewissen Abschluss gebracht hat. Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass von Sonntag nach Christi Himmelfahrt bis Pfingsten in der alten Abteikirche Reliquien des hl. Apostels Matthias zur Verehrung ausgestellt werden. In der Regel versammeln sich die Brudermeister bzw. der Vorstand am Palmsonntag oder Ostermontag, um das Nötige für die kommende Fußprozession zu besprechen. Der Brudermeister oder sein Vertreter sammelten an den Sonntagen bis Christi Himmelfahrt in den einzelnen Orten, früher von Haus zu Haus, da eine solche Wallfahrt mit Auslagen verbunden ist. Jetzt wird nur noch in der Kirche gesammelt. Um diese Zeit melden sich die Pilger und Pilgerinnen zur Wallfahrts-Prozession. Die Durchführung einer solchen Prozession stellt an den Brudermeister große Anforderungen. Namentlich in früherer Zeit, als die Verkehrsverhältnisse noch schlecht waren. Die Einhaltung einer gewissen Ordnung ist zur Durchführung einer mehrtägigen Prozession unbedingt erforderlich. Die Pilger müssen den Anordnungen des Brudermeisters Folge leisten. Für die Titzer Prozession besteht nach alter Aufzeichnung die Bestimmung, dass die beim Auszug der Prozession vorgenommene Ordnung während der ganzen Wallfahrt eingehalten werden muss. Neben-, Vorder- und Hintermann müssen die gleichen bleiben. Etwaige Verstöße gegen die Ordnung werden geahndet mit Kreuztragen, Beten usw.. Beim Auszug der Prozession aus der Kirche ist die Teilnehmerzahl noch gering, unterwegs schließen sich aber Pilger an, so dass beim Einzug in die alte Matthias-Abtei in Trier eine große Prozession einzieht.

Die Prozessionen wohnen vor dem Auszug aus der Pfarrkirche der hl. Messe bei; sie werden von den Pfarrangehörigen bis zur Ortsgrenze begleitet.

Jede Prozession zieht ihren althergebrachten Prozessionsweg, die vielfach mit den alten Römerstraßen zusammen fallen. Der Prozessionsweg der Jülicher St. Matthias-Bruderschaft ist nicht mehr bekannt.

Der Titzer Prozessionsweg ist wie folgt: Armeln, Güsten, Hambach, Niederzier. Ellen, Merzenich, Frauwüllesheim, Kelz, Vettweiß, Zülpich, Flüren, Sinzenich. Commern (Übernachten), Mechernich, Eiserfey, Zingsheim, Blankenheim, Waldorf, Esch, Fliesdorf, Birgel, Lissendorf (Übernachten), Auel, Büdesheim, Balesfeld, Bitburg (Übernachten), Helenenberg, Weißes Haus, Kreuzberg, Trier. Der Rückweg geht über dieselben Straßen. Übernachtungen und Mittagsrast wechseln zuweilen. Die Prozessionen ziehen singend und betend mehrere Tage über die Höhen der Eifel. Viele benutzen auf der Wallfahrt das etwa 500 Jahre alte „Matthias-Gebetbuch". Die Titzer Prozession kennt noch die älteste Form des Pilgergebetes. Es wird weniger zum hl. Matthias gebetet als zu den Patronen der Gegenden und Dörfer, durch deren Gebiet diese Prozession jeweils zieht. Die Gebete sind aufgezeichnet in einem Pilgergebetbuch, das betitelt ist: „Geistlicher Führer der Titzer Prozession nach Trier". Dieser Führer befindet sich im Archiv der St.-Matthias-Abtei in Trier. Er wurde 1815 aufgestellt nach einer älteren, nicht mehr vorhandenen Vorlage. Unterwegs wird auch für diejenigen gebetet, die in vergangenen Jahrhunderten auf dem Prozessionswege verstorben sind und auf dem nächsten Friedhof beerdigt wurden. Es ist selbstverständlich, dass auf der an sich schon anstrengenden Wallfahrt nicht immer gesungen und gebetet wind. Es werden Erholungs- und Erfrischungspausen eingelegt. In diesen Pausen erklingt oft ein frohes und forsches Wanderlied. Bei den Durchzügen durch die Ortschaften wird immer gesungen oder gebetet. Die Männergruppe geht stets am Anfang. In der Regel geht es durch die Ortschaften mit gehißter Fahne. Die Titzer Prozession zieht am 4. Pilgertag nachmittags gegen 2-3 Uhr in Trier ein. Der erste Besuch gilt dem Apostelgrab. Ein Besuch des Domes, der Liebfrauenkirche und der Konstantin-Basilika ist Ehrenpflicht der Wallfahrer, die abends in feierlicher Lichterprozession ihre Huldigung im Grabe des hl. Matthias erneuern und die von der Pfarrgemeinde gestiftete Opferkerze am Grabe des hl. Matthias aufstellen. Bei der heiligen Messe am folgenden Morgen empfangen die Pilger die heilige Kommunion. Am Donnerstagmorgen erfolgt der Auszug, nachdem die Pilger nochmals an der Grabstätte des hl. Matthias der heiligen Messe beigewohnt haben. Die Rückfahrt erfolgt auf demselben Wege wie die Hinreise. Nach Möglichkeit wohnen die Pilger jeden Morgen entweder am Übernachtungsorte oder nach einem frühen Marsch unterwegs der hl. Messe bei. In früherer Zeit empfingen die Pilger in den Orten, in denen Mittagsrast gemacht oder übernachtet wurde, den Segen in der Pfarrkirche. Wie aus alten Unterlagen „Auslagen zwischen Trier" hervorgeht, bekamen in allen größeren Orten, die durchzogen wurden, der Küster und die Kinder Almosen, weil die Kinder die Ankunft der Prozession meldeten und der Küster dann während des Durchziehens durch den Ort die Glocken läutete. Später bekamen der Küster und die Kinder nur in den Orten Almosen, in denen übernachtet wurde. Ebenfalls bekamen die Musikanten, die die Pilger durch größere Orte geleiteten, der Fahnenträger und Geleitpriester ein Entgelt.

Ein alter Brauch wird alljährlich im Büdesheimer Wald von der Titzer Prozession wiederholt. Dort werden die Pilger, die zum ersten Male mitziehen, vom Brudermeister zu Pilgern geschlagen. Der Brudermeister tritt vor jeden Einzelnen hin und schlägt ihm mit dem Brudermeisterstab auf die Schulter. Die neu zu Pilgern geschlagenen müssen die „fünf Wunden" beten, dann erhalten sie die Beglückwünschung der übrigen Mitpilger. Ein ebenfalls im Büdesheimer Wald noch heute geübter alter Brauch ist folgender: Die jungen Pilger stecken den jungen Pilgerinnen und umgekehrt frische Sträuße an, sie fassen einander an die Hände. Der Brudermeister berührt sie mit dem Stab und hält an sie eine Ansprache. Anschließend wird gebetet, besonders für die Pilger, die in früheren Jahrhunderten gestorben sind. So für eine Katharina Vassen aus Ralshoven, die um 1700 starb, und für einen Adam Zimmermann aus Opherten, der 1828 starb.

Im Büdesheimer Wald betet die Titzer Matthias-Prozession für die Ardennen-Pilger, die zur gleichen Zeit unterwegs sind. Es handelt sich um die achttägige, von Pastor Bernh. Ign. Theodor Horn 1706 eingerichtete und stets von einem Geistlichen geführte Prozession von Lendersdorf-Kalterherberg nach St. Hubert in den Ardennen. Sie zieht in iedem Jahre am Freitag nach Christi Himmelfahrt früh morgens um 6 Uhr aus und kehrt freitags vor Pfingsten zurück,

Die Titzer Prozession kehrt am Pfingstsonntag gegen 2 Uhr zurück. Die Pilger werden am Ortseingang abgeholt und zur Kirche geleitet. Die Kinder waren in früheren Jahren lebhaft an der Rückkehr der Pilger interessiert, weil sie von dem Brudermeister eine irdene Tonpfeife („ähde Mutz") aus Trier erhielten, mit der sie so schöne Seifenblasen machen konnten.

Von den Menschen der früheren Zeit wurden die mehrtägigen Prozessionen als Abwechslung angesehen; sie dienten wohl nicht allein der religiösen Erbauung. Es nimmt gar nicht Wunder, dass die Bruderschaftsbücher dem Brudermeister aufgaben, auf einen würdigen Verlauf der Prozession zu achten, „damit auf dieser Reise alles Gute und Erbauliche gefördert und was einigermaßen ärgerlich sein könnte, vermieden werde". Das Titzer Pilgerbuch gibt den Brudermeistern auf, „immer wieder die Pilger zu ermahnen und an den Zweck der Pilgerfahrt zu erinnern. In mehreren Gebeten wird gebetet um Bewahrung vor dem Laster der Trunkenheit während der Fahrt usw. und dass alle sich in der Herberge als wahre Pilger betragen mögen".

Diese Mahnung scheint nicht immer beachtet worden zu sein. Im Jahre 1762 bestimmte die Regierung für die Herzogtümer Jülich-Berg „dass keine Prozession ferner gehen solle, dass sie nicht über Nacht ausbleiben, unter Straf dem Pastor wo sie gehen 25 Rchthlr. Jedem Bruder-Mstr. 12 Rchthlr. und Jedem Pilger 6 Rchthlr. so gar auch mit Keinem rotten zu gehen“, 1784 verbot der Erzbischof Clemens Wenzeslaus alle zu seinem Sprengel gehörenden Fußprozessionen, die sich mehr als eine Stunde von der Pfarrkirche entfernten. Es ist natürlich, dass sich diese Verbote bei den Prozessionen auswirkten, die vom Niederrhein nach Trier zogen. Hinzu kam noch die nicht freundliche Einstellung der französischen Behörde gegen kirchliche Veranstaltungen überhaupt. Ein Teil der uralten Matthias-Bruderschaften ist damals untergegangen und nicht wieder erwacht, als nach den Befreiungskriegen ruhigere Zeiten kamen, zumal die Franzosen damals neben den Kloster- und Kirchengütern auch die frommen Stiftungen beschlagnahmten. In der alten Pfarrkirche von Jülich bestand ein St.-Matthias-Altar, an welchem der Primissarius (Frühmessner) von Zeit zu Zeit eine hl. Messe für die Matthias-Bruderschaft las. Die Titzer und die Licher Kirche besitzen heute noch schöne Statuen zu Ehren des hl. Matthias. Die Titzer Kirche besaß auch eine Matthiasglocke, die dem zweiten Weltkrieg zum Opfer fiel.

Das Matthiasfest wurde früher nicht nur von der Bruderschaft, sondern vom ganzen Orte festlich begangen.

In Titz galt der Matthias-Tag von altersher als hoher Festtag. In alten Kalendern heißt es: Am Matthiastag „Fest in Titz". In der Regel fand nach feierlichem Hochamt in der Pfarrkirche ein Essen in der Gaststätte „Klein" (heute Ramrath) statt, an welchem nicht. nur die Brudermeister des Bruderschaftsgebietes, sondern auch zahlreiche Pilger der letzten Wallfahrt teilnahmen. Die Titzer Feier war durch zahlreiche Stiftungen gesichert, die der Inflation zum Opfer gefallen sind. Auch heute noch wird der St. Matthiastag in Titz festlich begangen. Oft findet eine Oktav statt, in der an jedem Abend besondere Predigten gehalten werden. Pastor Bund (verstorben 1917) gab besondere Andenken für die Oktav heraus, die den Osterandenken gleichgestellt wurden.

Die Titzer St. Matthias-Prozession galt lange Zeit als Bauernprozession (Halfenprozession). Die Töchter der Gutsbesitzer des sich weithin ausdehnenden Bruderschaftsgebietes nahmen an den Prozessionen nach Trier sehr gerne teil; der Überlieferung nach haben sie einen gewissen Kleideraufwand betrieben. Dies wurde ermöglicht durch die Mitführung von Wagen, die nicht nur den Proviant für mehrere Tage mitführten, da im 17. und 18. Jahrhundert dies unbedingt erforderlich erschien.

Da der Umfang der Prozessionen - es wird von 30 mitgeführten Wagen berichtet - ein beängstigendes Ausmaß annahm, wurde das Bruderschaftsgebiet geteilt, aber heute noch umfasst das Bruderschaftsgebiet Titz die meisten der vorgenannten Orte.

Allen Gefährnissen der Zeit zum Trotz haben die Licher und Titzer Matthias-,Bruderschaften sich erhalten und führen auch heute noch die Fußprozession zum einzigen Apostelgrab in Deutschland, zur Matthias-Abtei in Trier durch. Möge für uns alle aber die Inschrift der untergegangenen Titzer Matthiasglocke Geltung behalten: St. Mathia, sis nobis protector omniumque auctor virtutum.

 

II

Wie in Titz, so wird auch in Lich-Steinstraß von altesher der hl. Matthias verehrt, der zweiter Pfarrpatron der dem hl. Andreas geweihten Pfarrkirche in Lich ist. 1802 löste sich Lich mit einigen um liegenden Ortschaften von dem uralten Bruderschaftsgebiet Berrendorf, zu dem es lange Zeit gehört und mit dem es jahrzehntelang die Fußprozession nach Trier zum Grabe des hl. Apostels Matthias gemacht hatte. Seit dieser Zeit zieht die Fußwallfahrt nach Trier Mittwochs vor Christi-Himmelfahrt bis donnerstags vor Pfingsten wie folgt: Nach Verrichtung eines Reisegebetes in der 1950 renovierten und am 1. Mai 1951 durch Pater Martin benedizierten Matthiaskapelle in Steinstraß, mit einem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Altar mit dem Holzbild des hl. Matthias, über Niederzier (Gebet in der Kirche), Arnoldsweiler (Kaffeepause), Düren, Kreuzau, Uedingen. (Mittag), Rath, Berg vor Nideggen, Hergarten (Übernachtung), Bleibuir, Kall (Kaffee), Sötenich, Urft, (Kloster Steinfeld (St. Hermann-Josef) wird auf der Rückreise berührt), Marmagen (Mittag), Schmidtheim, Dahlem (früher ging man über das heute neubelgische Losheim) (Übernachtung), Stadtkyll, Olzheim (Kaffee), Prüm (Mittag), Rommersheim, Giesdorf, Schönecken, Wetterdorf, Feuerscheid, Seffern, Bickendorf (Übernachtung), Bittburg (Kaffee), Meilbrück (Mittag ), Windmühle, Neuhaus, Hohe Sonne, Trier. Die Prozession wird von einem Pater begleitet, der Morgen für Morgen den Pilgern fein überlegte Gedanken mit auf den Weg gibt.

Großartig war die Jubiläumswallfahrt 1932. Am Stadtkyller-Kreuz an der Bitburger Straße wurde sie von Pater Martin begrüßt und am Abteiplatz feierlich mit vielen Messdienern abgeholt und in der alten Abteikirche der Segen mit Leviten erteilt. Am folgenden Tage (Sonntag vor Pfingsten) war feierliches Jubelamt mit großem Einzug und Festpredigt von Pater Prior, abends große Lichterprozession mit der hl. Matthias- und hl. Kreuz-Reliquie zum Wegekreuz an der Weißmark, das an diesem Abend gesegnet wurde, an der die ganze Pfarrei teilnahm; Schlussfeier war auf dem Freihof.

Auf der Wallfahrt wird ein Pilgerbüchlein "Wallfahrt zum Grabe des hl. Matthias", zusammengestellt von Josefus, Mitglied der Benediktiner, Trier 1982, benutzt. Ein anderes Buch der Bruderschaft des hl. Matthias in der Pfarre Lich-Steinstraß ist aus verschiedenen Erbauungsbüchern "zum Eigengebrauch der verbundenen Brüdern und Schwestern", zusammengetragen von Präfekt H. M. Huppertz (Düren 1990). Die Licher wählen bei der Rückkehr aus Trier am Schönecker-Kreuz die Brudermeister, nachdem sie vorher "die 5 Wunden" gebetet haben.

Der Matthiastag wird in Lich feierlich begangen. Er ist Festtag in dem ganzen Ort. Es herrscht Arbeitsruhe. An dem Festhochamt mit Predigt nehmen auch Bewohner der Orte Arnoldsweiler, Niederzier, Hambach, Üdingen bei Kreuzau und Rödingen teil, die zum Bruderschaftsgebiet Lich gehören - Rödingen hat sich um 1930 Selbständig gemacht und zieht in der Licher Prozession nach Trier als selbständige Gruppe.

Seit dem 10. August 1816 besitzt Llch eine Matthias-Reliquie mit Autentik von Kardinal Severoli, die den Gläubigen an dem Matthiasfest zur Verehrung dargereicht wird. Die Licher Matthias-Bruderschaft ist wie die Titzer mehrfach mit Ablässen ausgezeichnet worden. So durch Abassbrief vom 16. Juni 1807, ausgestellt durch Kardinal Caprara in Paris, durch Ablassbrief Papst Pius VII. vom 30. Septenber.1816 auf ewige Zeiten, ausgestellt Rom St. Maria-Maggiore und durch Breve Papst Gregor XVI vom 2. Februar 1843.

Die Licher St. Matthias-Bruderschaft belässt es nicht bei der alljährlicher. Fußwallfahrt nach Trier und Abhaltung des Festtages des hl. Apostels Matthias, sondern sie ist eine machtvolle Organisation im Sinne des Männerapostolats in der katholischen Aktion. Im Jahre 1933 wurde eine neue Fahne angeschafft, 1934 wurde ein prachtvolles Fenster für die Pfarrkirche gestiftet. Auch nimmt sie seit 1933 wieder an dem Festhochamt der Prozession und den sonstigen Feierlichkeiten während der Arnoldus-Oktav in Arnoldsweiler teil, sie hat damit die seit 1360 nachweisbare, 1830 eingeschlafene Tradition wieder aufgenommen.

Wie andere Orte hatte auch Lich auf Grund einer Urkunde des Herzogs Wilhelm von Jülich vom Jahre 1360 jedes Jahr am Pfingstmontag eine Kerze nach Arnoldsweiler zu liefern zum Ausdruck des Dankes, dass der h1. Arnold ihnen den Bürgewald geschenkt hatte. Die Rente wurde im Jahre 1830 abgelöst.

 

III

In Titz trug die St. Matthias-Bruderschaft den Matthias-Kult in die Diaspora. Dort hatte sieh um die Mitte des vorigen Jahrhunderts unter Führung von Anton Opfergeld, Meerhof (gestorben 02. Juli 1866), Gottfried Clässen-Isenkroidt, Franz Anton Karsch, Bettenhoven, Conrad von Meer, Hottorf, Peter Porten, Hasselsweiler, Johann Peter Iven, Grottenherten und Heinrich Josef Klein, Titz, eine besondere Gruppe gebildet, die sich der Nöte der Diaspora annahm. Sie beschloss eine Kirche zu errichten und wandte sich wohl mit Rücksicht darauf, dass 1042 am 31. Januar ein Paderborner Bischof, Ruotholf, auf Befehl des Kölner 'Erzbischofs Hermann „zu Ehren der heiligen Dreieinigkeit, der heiligen Jungfrau Gertrud, der heiligen elftausend Jungfrauen, des heiligen Apostels Andreas, des heiligen Märtyrers Hippolytus und aller Heiligen“ in Meerhof eine Kapelle geweiht hatte, an die Diözese Paderborn - Siehe die älteste mittelalterliche Inschrift des Jülicher Landes auf einem heute noch auf dem Gute Meerhof vorhandenen Stein. - Der dortige Bischof Dr. Conrad Martin schlug 3 Orte zur Auswahl vor. Die Titzer wählten Bleicherode. Es wurde ein Gehöft angekauft, die Scheune zur Notkirche umgebaut, die am 25. Juni 1866 durch den Paderborner Bischof feierlich eingeweiht wurde. Am 14. Juli 1866 fand in dieser Kirche ein feierliches Requiem statt für Anton Opfergeld, der die Einweihung nicht mehr erlebt hatte. Jahrzehnte lang hat die Matthias-Bruderschaft in Titz für die Fundation der Pfarrstelle gesorgt und auch einen Teil der Kosten für die Schule und die Kirchenausstattung getragen. Als Gegenleistung hatten sich die Mitglieder der St. Matthias-Bruderschaft ausbedungen, dass der anzustellende Missionsgeistliche mit allen anwesenden Gläubigen an allen Sonn- und Feiertagen bei der Darbringung des Heiligen Opfers ein „Vater unser“ und „Ave Maria“ für die lebenden und dem Herrn entschlafenen Mitglieder beten sollte. Am 4. Juli 1913 wurde anstelle der bisherigen Kirche eine neue Matthiaskirche konsekriert. Die Matthias-Bruderschaft hat es besonders gefreut, dass man für die Kirche als Schutzpatran den hl. Apostel Matthias gewählt hatte. Auch heute nach fördert die Ttzer Matthias-Bruderschaft die Diaspora.

 

IV

Außer der Titzer und Licher Fußprozession nach Trier berühren noch folgende Fußprozessionen den Kreis Jülich: Die Erkelenzer Fußpozession, nachgewiesen durch ein am Trierer Weg von Kalterherberg vorhandenes Kreuz mit der Inschrift: Ao 1735 den 7. Mai ....(der Name ist verwittert) Ehrenwerter Bürgermeister zu Erkelenz hat dieses Kreuz zu Ehren St. Matthias Bruderschaft auff richten lassen, Bit für die Abgestorbenen“ berührt die Orte Glimbach ( an einem Feldkreuz zwischen Baal und Glimbach werden die Reisestatuten verlesen), Broich (Kaffeepause), Jülich, Krauthausen, (Mittagessen).

Die Boisheimer-Dülkener Fußprozession (seit 1723 nachweisbar) berührt die Orte Titz, Ameln, Rödingen (Kaffee), Höllen, Lich-Steinstraß. Die seit 1690 nachweisbare (früher mit Boisheim gemeinsam ziehende Waldnieler Fußprozession zieht über Titz, Ameln, Lich-Steinstraß, Hambach.

Die Rheindahlener Fußprozession, die sich von der 1440 nachgewiesenen St. Matthias-Bruderschaft M.Gladbach 1755 trennte, berührt die Orte Titz, Ameln, Güsten, Hambacher Wald.

Bis vor dem ersten Weltkrieg empfingen die in Titz mittagmachenden Fußprozessionen den Segen in der Pfarrkirche.

 

V

Die Fußprozessionen gehen zum Grabe des hl. Apostels Matthias in der jetzigen Matthiasabtei. Es handelt sich um einen der ältesten christlichen Gebetsplätze in Deutschland. Hier versammelte sich die älteste Trierer Christengemeinde zum Gottesdienst. Die uralten Grabkammern mit ihren christlichen Inschriften und die 3 alten Steinsärge werden mit dem hl. 'Eucharius, Valerius und Maternus, der Überlieferung nach Schüler des hl. Apostels Petrus, in Verbindung gebracht. Das ursprünglich dem hl. Eucharius geweihte Heiligtum wurde öfters durch Kriegswirren (Normannen etc.) verwüstet und zerstört. Der heutige Bau wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts aufgeführt und 1184 durch Papst Eugen III, der gelegentlich einer Kirchenversammlung in Trier weilte, von neuem als Apostelheiligtum eingeweiht und erhielt im Volksmunde den Namen St Matthiaskirche. Diese Kirche hat des öfteren durch Um- und Anbauten, besonders nach dem Brande 1783, große Veränderungen erfahren. In der französischen Revolution wurde das Benediktinerhloster, das das Grab des hl. Apostels Matthias behütet hatte, aufgehoben. Die Klosterbauten wurden verkauft und zu einem Gute umgebaut. Die Kirche blieb damals erhalten. Sie wurde Pfarrkirche.

Nach Durchführung der Restaurationsarbeiten unter der opfervollen Leitung des Pfarrers Treitz hat Papst Benedikt XV. durch Apostolisches Breve vom 30. März 1920 die Apostelkirche mit dem Rang einer Basilika Minor ausgezeichnet. 1922 wurde durch Bireve Papst Pius XI. vom 18. April die alte Abtei St. Matthias mit allen Rechten und Privilegien, die sie in früheren Jahrhunderten erworben hatte wiederhergestellt und den Benediktinern erneut anvertraut. Damit war ein Wunsch des großen Bischofs Dr. Korum in Trier erfüllt. Am 22. Oktober 1922 fand die feierliche Einführung der ersten Mönche durch Bischof Dr. Franz Rudolf Bornewasser statt. Die Neubesiedlung geschah durch die Abtei Seckau/Steiermark.

Die Benediktiner haben die Verehrung des hl. Apostels Matthias, entsprechend der hohen, mittelalterlichen Tradition, erneut aufgenommen. In vielen Orten bestehen St. Matthias-Bruderschaften, die zu einer Erzbruderschaft zusammengeschlossen sind, deren Satzungen am 12. Dezember 1930 von dem Trierer Bischof genehmigt wurden.

Mögen die alten Fußprozessionen vom Niederrhein nach Trier zum Grabe des hl. Matthias noch lange fortbestehen, und auf den alten Pilgerstraßen der alte Litaneigesang zum hl. Apostel Matthias mit dem Schlussrefrain erklingen:

O Mathia mit Maria, bitt für uns o Mathia,

o Mathia mit Maria, bitt für uns, Alleluja !

 

 

Quellennachweis:

Der Matthias-Bote, Trier
Rur-Blumen, Heimatblätter zum Jülicher Kreisblatt
Dürener Heimatblätter, Beilage zur Dürener Zeitung
Kuhl, Geschidte der Stadt Jülich
Titzer Kirchenarchiv und Akten der St. Matthias-Bruderschaft in Titz